Urszula Usakowska-Wolff
Die Landschaft ist ihre Leidenschaft: Olga Moş nimmt sie in sich auf, verarbeitet sie mental und emotional so lange, bis sie das Gesehene und Erlebte in ein Bild transformieren kann. Ihre harmonischen und zugleich dynamischen Gemälde sind keine Abbilder der Natur. Sie drücken vielmehr ihre Emotionen, Erlebnisse, Erinnerungen, Fantasien und Träume aus. Sie muten wie eine Brücke an, die Olgas innere Welt mit der Außenwelt verbindet. Bei der Fertigung ihrer Gemälde lässt sie der Vorstellungskraft und dem Zufall freien Lauf. Die Malerei ist für sie eine Reise, bestimmt durch Bewegung, Veränderung, Umwandlung und Verwandlung, das heißt: durch Erfahrung. Beim Malen kommt die Zeit zum Vorschein. Eine Zeit, die zwar verdinglicht wird, doch weiterhin ungreifbar bleibt, denn Zeit ist Bewegung – und in der Bewegung liegt die Welt.
Olga Moş ist eine Künstlerin, der es gelingt, dem altehrwürdigen Genre der Landschaftsmalerei neuen Glanz und Ausdruck zu verleihen. Landschaft ist sowohl das, was uns umgibt, als auch das, was sich in unserem Inneren verbirgt, und nur darauf wartet, durch ein Ereignis, eine Erinnerung oder ein Déjà-vu nach außen zu dringen. Landschaft ist auch die Beziehung zwischen einzelnen Punkten, das Verhältnis zwischen Wasser und Farben, die Tatsache, dass sie sich mischen oder auch nicht, ihre Transparenz, Durchlässigkeit und Beständigkeit. Landschaft ist die Möglichkeit, immer etwas Neues zu entdecken und sich wie ein Kind darüber zu freuen. Landschaft ist nichts anderes als Erlebnismalerei.
Die harmonischen, energiegeladenen und zugleich meditativen pastellfarbenen Bilder mit vielen weißen Flächen von Olga Moş scheinen sich von den Wänden zu lösen und in der Luft zu schweben. Ihre Ausstellungen gleichen In-situ-Installationen, in denen sie Architektur, Interieurs, den Genius Loci und das Publikum miteinbezieht. Die Betrachtenden gehen an ihren horizontalen Gemälden entlang und haben den Eindruck, sie sowohl aus der Vogelperspektive als auch durch die Front- oder Seitenscheibe eines Fahrzeugs zu sehen. Ihre Schatten verschaffen den Landschaften eine verblüffende Plastizität und Dynamik. Die farbigen Flecken, Tupfer und Linien verwandeln sich beim Besichtigen Step by Step in Reliefs.
„Mit der Bewegung tauchen Erinnerungen auf. Nicht als Bilder, sondern als Spuren, Richtungen, Farbe, Übergänge. Landschaft stellt sich nicht dar, sie ereignet sich wie von selbst – in der Bewegung, in der Farbe, in der Fläche.“, schreibt Olga Moş in ihrem Poem „Wie von selbst“. Die Künstlerin malt keine konkreten Orte, keine wirklichen Landschaften, sondern Eindrücke, die sie in ihrem Gedächtnis speichert und sie dann auf Leinwand oder andere Bildträger intuitiv überträgt. Was sie bewegt, ist die Frage danach, welchen Einfluss die aus der Umgebung resultierende Herkunft auf die Identität hat, wenn man immer wieder gezwungen ist, seinen Wohnort zu verlassen. Und das führt häufig zur Entstehung und Entwicklung einer fluiden Identität.
Seit ihrer frühen Kindheit ist das Leben von Olga Moş vom Aufwachsen zwischen zwei Ländern, häufigen Ortswechseln und der Erkundung neuer Räume geprägt. Die 1986 in der rumänischen Industriestadt Reșița im Banater Gebirge geborene Künstlerin verbrachte ihre ersten Lebensjahre zunächst gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder in einem Wohnblock in Reșița. Anfang 1989 flohen ihre Eltern vor der rumänischen Diktatur nach Deutschland. Olga und ihr Bruder blieben bis 1990 bei ihrer Großmutter, deren Haus am Stadtrand unmittelbar an den Banater Wald grenzte. Nach der rumänischen Revolution konnten sie zu ihren Eltern nach Deutschland nachreisen. Zuerst wohnte Olga in Obergriesbach, einem kleinen Dorf in Schwaben. Dort fand ihr Vater eine Anstellung bei einem Künstler.
Landschaft, Herkunft und Identität sind nicht nur durch ihre eigene Biografie geprägt, sondern auch durch die Geschichte ihrer Familie. Die Erfahrungen ihrer Eltern unter der rumänischen Diktatur sowie die damit verbundene Unsicherheit, Trennung, Flucht und Grenzüberschreitung haben sich auch in die Wahrnehmung der nachfolgenden Generation eingeschrieben und beeinflussen die künstlerische Arbeit von Olga Moş bis heute.
Nach einer Ausbildung im sozialen Bereich holte Olga ihr Abitur am Bayernkolleg Augsburg nach. Anschließend studierte sie Erziehungswissenschaft und Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Landschaftsmalerei an der Universität Augsburg. Nach ihrem Studienabschluss plante sie zunächst eine Promotion im Bereich der Kreativitätsforschung. Mit dem Umzug nach Berlin entschied sie sich jedoch für einen anderen Weg und nahm von 2017 bis 2018 am Gaststudium „Künstlerisches Arbeiten im Kontext gesellschaftlicher Entwicklung“ an der Universität der Künste Berlin teil.
Von 2018 bis 2019 absolvierte sie einen Erasmus-Aufenthalt in Bukarest, den sie nutzte, um sich mit ihrer rumänischen Herkunft, der Geschichte und Kultur des Landes sowie der rumänischen Sprache auseinanderzusetzen. 2023 erwarb sie den Master of Fine Arts in Malerei und Zeichnung an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg in der Klasse von Jorinde Voigt. Sie wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien bedacht. Seit 2016 stellt sie ihre Bilder in Personalen und Gruppenschauen in und außerhalb von Deutschland aus.
Neben ihrer künstlerischen Arbeit ist Olga Moş seit über zehn Jahren als Kunstpädagogin und Sozialarbeiterin unter anderem in der Geflüchteten-, Kinder- und Jugendhilfe in Berlin, Augsburg, Hamburg und Bukarest tätig. Ihre mannigfaltigen sozialen Aktivitäten sind kein Zufall: Es ist Olgas bewusste Entscheidung, denn sie trägt dazu bei, dass sie als Malerin den Bezug zur Wirklichkeit nicht verliert und sich nicht darauf beschränkt, im Elfenbeinturm eine Kunst um der Kunst willen zu schaffen. So lernt sie das Leben in allen seinen Facetten kennen: als eine Landschaft mit Höhen und Tiefen, Licht- und Schattenseiten, Freud und Leid, Dynamik und Stillstand, der auch eine Art der Bewegung ist.
Ihr Medium ist die Farbe, die, wie sie sagt, schon immer ihre Obsession war und der sie alle anderen ästhetischen Prinzipien unterordnet. Sie trägt die Farben an einigen Stellen des Malgrunds dick und pastos, an anderen stark verdünnt in mehreren Schichten auf, sodass ihre Landschaften zugleich opulent und beschwingt erscheinen. Sie lässt die Farben über den Bildrand fließen, wodurch sie ihren Gemälden skulpturale Eigenschaften verleiht. Es ist kein Zufall, dass ihre Gemälde wie farbenprächtige Environments aussehen.
Olgas expressive und meist spontane Malweise folgt einem stringenten Konzept. Sie untersucht die Wechselwirkung zwischen Form, Farbe und Raum, das heißt, wie Objekte in unterschiedlichen Umgebungen und Positionen ihr Erscheinungsbild radikal verändern. In ihrer Malerei lotet Olga Moș die Bildgrenzen und die Zusammenhänge zwischen Bildraum und Raum, Dynamik und Statik aus. Die richtigen Farben für Rhythmen, Takte und Klänge zu finden, ist das, was sie aktuell beschäftigt. Auf ihren Bildern bringt Olga Moș amorphe Massen zum Tanzen – und hält ihre Bewegung fest, um zu zeigen, wie schön der Augenblick verweilt.
Olga Moş entwickelt ihre Landschaftsbilder in einem langwierigen Prozess, an dessen Anfang die Wahl des Formats, der Farbe, der Bewegungsart und des Materials, also der Bildträger und der Malutensilien steht. Der Malvorgang ist ein performativer, körperlicher, spontaner und intuitiver Akt, der an die Action Painting erinnert. Die Künstlerin benutzt keine Skizzen oder Entwürfe, sie verzichtet bewusst auf Staffeleien. Die auf dem Boden liegenden weißen Leinwände, Papier- oder Segeltuchbahnen begießt sie mit Farben, die stark mit Wasser verdünnt werden und durch die sich Linien schlängeln. Wohlgemerkt ist Linie in Olgas Malerei kein Ornament. Da sie ihre künstlerische Laufbahn als Zeichnerin begann, ist die Linie mit der Zeit für sie immer wichtiger geworden.
Die Linien dienen Olga als Umriss des Gemalten, kreuzen sich, drücken Bewegung aus. Sie gehen über die Farbe, Wachsmalkreide oder Ölkreide und grenzen die Felder ab, wobei die Farbe innerhalb der Felder bleibt. So entstehen fast ohne Zutun der Künstlerin temporäre und zugleich fortwährende, fantastische Landschaftsgebilde, die in der ersten Phase das Werk der dinglichen Welt sind und die durch minimale Interventionen der Künstlerin, durch ihre Bewegung und Gestik, Geräusche des auf die Bildträger gegossenen Wassers und der Pinselstriche zustande kommen.
Nach dem Trocknen übernimmt dann Olga Moş die Kontrolle und bringt sie in die von ihr angestrebte Form. Sie transformiert die wie von alleine entstehenden Malereien so, dass sich darin ihr Selbst, ihre bewussten und unbewussten Fantasien, Spuren ihrer Erinnerungen, Träume und ihre Umgebung spiegeln. Sie arbeitet in Serien und liebt das Monumentale, das aber nicht erdrückend, sondern fragil wirkt. Ihre großformatigen Bilder erlauben es ihr und den Betrachtenden, mit den Körpern in sie einzutauchen und sie gleichzeitig von außen zu betrachten. Diese doppelte Perspektive zeigt, wie wir die Welt sehen, wie wir uns in ihr verlieren und wiederfinden können.
Vor den Performances, die ein Teil ihrer Ausstellungen sind, bittet sie das Publikum, auf Zetteln seine Wünsche hinsichtlich des entstehenden Bildes aufzuschreiben und lässt sie in den Arbeitsprozess einfließen. Da Olga Moş Aikidō trainiert, wirken ihre performativen Aktionen wie Meditation in Bewegung. Die Gestik der Künstlerin ist weder hektisch noch ausufernd. Im Gegenteil: Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, schafft eine entspannte Atmosphäre, die sich auf die Betrachtenden und dann auf die fertigen Werke überträgt. Sie sind ausgewogen und voller positiver Energie, von der man sich gern anstecken lässt. Weil sie häufig von einer Soundinstallation begleitet werden, verwandeln sie sich in einzigartige Bild- und Klanglandschaften.
Die Beschäftigung mit den Landschaften, an denen die Künstlerin auf ihrer Reise durch die große und kleine Welt vorbeizieht, ist keine Flucht vor der Realität. Es ist ein Versuch, die grenzenlose Schönheit der Natur darzustellen, bevor sie von den Menschen noch mehr oder unwiderruflich zerstört wird. Olgas Landschaften sind keine Mahnung. Sie regen dazu an, über die uns umgebende zerbrechliche Schönheit nachzudenken, sie zu verinnerlichen und darauf zu achten, dass sie möglich intakt bleibt. Und in den heutigen ziemlich hässlichen Zeiten die Ästhetik in den Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit zu stellen bedeutet: gegen den Zeitgeist zu schwimmen und Haltung zu zeigen.
Olga Moş bleibt sich treu: Heute wie früher in ihren pastosen reliefartigen Arbeiten lotet sie Bildgrenzen und Zusammenhänge zwischen Bildraum und Raum, Dynamik und Statik, Natur und Kultur, Innen und Außen, Geräuschkulisse und Stille aus. Ihre groß- und kleinformatigen Bilder, eine Art Topografien oder Gedächtniskarten, in denen häufig erotische Symbole auftauchen, wirken zugleich opulent, leicht und beschwingt. Olgas abstrakt-figürliche, biomorphe, ornamentale und expressive Malerei folgt einem stringenten Konzept. Sie untersucht die Wechselwirkung zwischen Form, Farbe und Raum und offenbart, dass Objekte in unterschiedlichen Umgebungen und Positionen ihr Erscheinungsbild radikal verändern können.
„An zwei Orten, beide am Waldrand, Hunderte Kilometer voneinander entfernt, wache ich auf“, schreibt Olga in ihrem Artist Statement. „Im Auto bewege ich mich über drei Grenzen. Wolken schlängeln sich um hohe Berge, schmiegen sich an. Boden, Licht und Bäume wandeln sich. Staunend beobachte ich aus dem Autofenster die vorbeifließende Landschaft. Der Boden wird zum riesigen Spielfeld. Der Horizont bleibt eine langgezogene Linie, die ich nicht greifen kann. […] Herkunft und Identität sind für mich etwas Weites und Fließendes, sich ständig Veränderndes. Malen und Zeichnen ist Bewegung und Transformation. Ich suche danach, harte Grenzen weich und fließend werden zu lassen.“
Olga Moş ist eine visuelle Poetin, ihre Kunst lässt an Écriture automatique denken. Das Eintauchen in das Universum dieser Malerin und ihre eigene Bildsprache führt zur Erkenntnis: Alles ist im Fluss und kann weder dargestellt, noch geplant oder erzwungen werden, weil es sich vor unseren Augen und in unserem Inneren stets ereignet. Deshalb muss es jedes Mal neu gestaltet und gezeigt werden. Olga tut das – und staunt darüber immer wieder wie ein neugieriges Kind.
Text © Urszula Usakowska-Wolff