Oskar Piegsa, 2023, Journalist, DIE ZEIT

Viele Werke der amerikanischen Kunst sind in Fabriken entstanden. Nicht, weil sie am Fließband hergestellt wurden. Sondern weil in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Betriebe des produzierenden Gewerbes aus New York abwanderten – und große, karge, oftmals auch dreckige und kaum beheizbare Räume zurückließen. Niemand wusste so recht, was man damit anstellen sollte. Bis nach und nach Menschen kamen, die viel Platz brauchten und dafür nur wenig Miete zahlen konnten. Die Künstler.

Der junge Andy Warhol etwa zimmerte seine Brillo-Boxen Anfang der Sechzigerjahre in einer alten Hutfabrik. Robert Indiana, bekannt für seine »LOVE«-Skulptur (vier gestapelte Buchstaben, das »O« kippt zur Seite), arbeitete in einer früheren Segelmacherei. Auch Donald Judd, Franz Kline und Willem de Kooning zogen in Lofts, also in ehemalige Produktionshallen. Noch mal zehn, zwanzig Jahre später wollten plötzlich alle so leben wie die Künstler in den Industrieruinen. Das Loft wurde zum Inbegriff des urbanen Schicks.

Ob es den leer stehenden Kaufhäusern von heute einmal so ergehen wird wie den leer stehenden Fabrikhallen von damals? Über das temporäre Kulturhaus Jupiter im ehemaligen Karstadt-Sport-Gebäude an der Mönckebergstraße 2–4 haben wir schon berichtet (Z+). Seit Neuestem gibt es auch am anderen Ende der City ein Künstlerhaus in einer leer stehenden Ladenfläche, den »Projektraum Studio« in einem ehemaligen Möbelhaus am Großen Burstah 32. Im Erdgeschoss stellt die Galeristin Evelyn Drewes aus. Das erste Obergeschoss überlässt sie sechs jungen Künstlerinnen und Künstlern als Atelierfläche.

Eine von ihnen ist Olga Moș. »Für mich ist es großartig, dass ich hier arbeiten kann!«, sagt sie. Moș malt Bilder mit fließenden Gesten und in leuchtenden Farben. Sie bezeichnet ihre Motive als »Landschaften«, die aber überhaupt nicht so aussehen, wie Caspar David Friedrich und die anderen Meister in der Hamburger Kunsthalle sie malten. Moș zeigt Landschaften in Bewegung. Berge, Wolken und Horizonte, wie sie draußen vor dem Fenster eines Autos oder ICEs vorbeifliegen. Konkrete Formen, die sich ins Abstrakte auflösen.

Olga Moș erzählt, sie sei aus Berlin nach Hamburg gekommen, weil sie bei Jorinde Voigt an der Hochschule für bildende Künste studieren wollte. Ihre Abschlussarbeit malte sie auf 24 einzelnen 100 x 70 Zentimeter großen Leinwänden, die sie später nebeneinanderhängte. Auch deshalb, weil in den gemeinschaftlich genutzten Ateliers der Kunsthochschule für größere Formate kein Platz gewesen sei. »Wenn man das Bedürfnis hat, etwas Großes herzustellen, dann sollte man es machen«, sagt Moș. Hier, im leeren Möbelhaus, ist Platz genug, insgesamt 1650 Quadratmeter. Nun arbeitet Olga Moș an einem Bild, das die Maße einer kleinen Kinoleinwand hat: 2,2 x 4 Meter.

Gegenüber hat sich Robert Vellekoop eingerichtet. Wobei, was heißt »gegenüber«, am anderen Ende der Etage! Auch Vellekoop malt, aber deutlich gegenständlicher. In seinen Gemälden tauchen Silhouetten von Stühlen, Schreibtischen und Topfpflanzen auf, das sieht ziemlich gespenstisch aus. Vielleicht malt Vellekoop die Büros, denen er als Künstler entkommen ist. Allerdings um den Preis eines recht nomadischen Arbeitslebens: Seit seinem Studienabschluss 2016 sei dies sein viertes Atelier, erzählt er. Ein typisches Problem in Hamburg. Haben Künstlerinnen und Künstler endlich einen Raum gefunden, müssen sie bald schon wieder raus.

Auch der »Projektraum Studio« ist nicht für immer, sondern eine Zwischennutzung bis Ende des Jahres, sagt die Galeristin Evelyn Drewes. Sie und die beteiligten Künstlerinnen und Künstler gewähren hier seltene Einblicke in den Entstehungsprozess von Gemälden. Immer mittwochs bis freitags von 15 bis 19 Uhr kann man durch die offenen Türen in die Galerie schlendern, sich unten die Ausstellungsräume anschauen – und dann die Treppe in den ersten Stock nehmen und die Ateliers besuchen, das Allerheiligste der Kunst.

»Das ist hier nicht die komplett authentische Ateliersituation«, sagt Robert Vellekoop. Er arbeite gerade an mehreren Bildern, von denen er teils noch nicht wisse, ob er sie der Öffentlichkeit zeigen wolle. Zu den Öffnungszeiten des »Projektraum Studio« lehnen einige Leinwände deshalb mit der Vorderseite zur Wand. Auch Tuben, Pinsel und anderes Zeug, das normalerweise auf dem Boden herumliege, habe er weggeräumt, damit niemand stolpert. »Wenn man Gäste in seine Wohnung einlädt, räumt man ja auch vorher auf«, sagt Vellekoop.

Olga Moș präsentiert ihre Arbeit ungeschützter. Sie arbeite gerade fast ausschließlich an dem rund neun Quadratmeter großen Gemälde, sagt sie. Das kann sie nicht jedes Mal auf- und abhängen, wenn Besucher kommen, also präsentiert sie es im unfertigen Zustand. Im August habe sie mit dem Gemälde angefangen, bis Ende September wolle sie damit fertig werden. Wer in den kommenden Wochen mehrmals vorbeikommt, kann dem Kunstwerk beim Entstehen zusehen.

Oskar Piegsa